Prag Geshichte
Prag Geshichte
„ . . . Ich sehe eine große Stadt, dessen Ruhm bis zu den Sternen reicht . . . Dort in den Wäldern an der Moldau findet ihr einen Menschen vor, der die Schwelle seines Hauses zimmert und danach benennt ihr die Stadt Prag 1. . .“ Auf ähnliche Weise wird in den Legenden die weissagende Extase der Fürstin Libuše (Libussia) geschildert, welche unsere Hauptstadt gegründet und benannt haben soll. Alle Tschechen kennen diese Sage dank des Chronisten Kosmas, der sie zu Beginn des 12. Jahrhunderts in seiner Chronik niedergeschrieben hat. So ganz in das allgemeine Bewusstsein ist sie allerdings erst durch die Oper von Bedřich Smetana (Friedrich Smetana) gedrungen. Ihre Weissagung soll Libuše von der Burg Vyšehrad aus vorgetragen haben, von der ältesten sagenhaften Residenz der hiesigen Fürsten. Als Gemahlin des legendären Přemysl Oráč (Premysl Ackermann) ist sie zur Gründerin der Dynastie der Premysliden (Přemyslovci) geworden, welche dann in Böhmen über 500 Jahre lang regiert hat. Kosmas und Bedřich Smetana zum Trotze ist das alles wohl ein bisschen anders verlaufen. Die Geschichte des böhmischen Staates und die Geschichte Prags sind jedoch untrennbar.
„PRAGA CAPUT REI PUBLICAE“
Prag, die Hauptstadt der Tschechischen Republik, erstreckt sich an der Moldau (Vltava), inmitten des Böhmischen Beckens. Heute leben in Prag rund 1,2 Millionen Menschen, was etwa 12 % der Einwohner unseres Staates ausmacht. Mit seiner Bevölkerungsdichte und Fläche (ca. 500 km2) ist Prag die größte Stadt der Tschechischen Republik. Dank des Reichtums und der Schönheit seiner Denkmäler wurde der historische Kern von Prag im Jahre 1992 in das Verzeichnis der geschützten Denkmäler der UNESCO eingetragen. Von Prag wird mit Recht behauptet, dass es die schönste europäische Hauptstadt sei. Paris und Rom mögen verzeihen.
Die Besiedelung dieser Orte verlief bereits seit der Urzeit. Die Situierung im Zentrum des Böhmischen Beckens sowie die günstigen klimatischen und Geländebedingungen leisteten dabei Unterstützung. Die Moldau brach sich seit Eh und Je ihren Weg durch die Ablagerungen des Kreidemeers und formte sie mit ihrem Strom bis in die heutige gegliederte Gestalt. Die Felsenklippen von Barrandov verbergen bis heute versteinerte Reste von Dreilappkrebsen und anderen urzeitlichen Lebewesen und Pflanzen. Dieser grandiose Sarkophag einer verschwundenen Welt, zusammen mit den Hängen des Berges Petřín (Laurens- oder Lorenzberg), Letná und den übrigen Hügeln des Moldau-Tals, schützte den späteren Kern von Prag vor den kalten Nord- und den scharfen Westwinden.
Diese Gegenden waren seit dem 4. Jahrtausend v. u. Z. ständig besiedelt, wie dies Funde beweisen, von denen die wichtigsten vor allem aus den Randgebieten des heutigen Prags stammen, z. B. aus Šárka oder Unětice. Schon damals handelte es sich um Siedlungen, die für das gesamte Böhmische Becken von Bedeutung waren. Seit der sog. Hallstätter Zeit (doba halštatská; ab dem 6. Jahrhundert v. u. Z.) ist dieses Land auch ein sehr wesentlicher Bestandteil der keltischen Welt. Bei uns wurden Beispiele der ältesten Gräber keltischer Aristokratie belegt, bei uns siedelte der Boierstamm, dessen berühmter Heerführer Brena bei seinem Zug durch Italien das republikanische Rom eroberte, und u.a. wurden hier die sog. goldenen „Regenbogenschüsselchen“ geprägt. Unweit von Prag, hinter Kladno bei Mšecké Žehrovice, wurde die Statue eines Heroen entdeckt, die für eines der schönsten Werke keltischer Kunst gehalten wird. Am Rande von Prag, in Závist bei Zbraslav (Königsaal), liegt eine Burgstätte vom Ende des 5. Jahrhunderts v. Chr., an deren Stelle im zweiten Jahrhundert v. Chr. das berühmte Opidum entstanden ist, dass mit seiner Fläche zwar nicht zu den größten gehört hat, von den bisher bekannten keltischen Bauwerken jedoch durch seine Befestigung am mächtigsten erscheint. Jedoch nicht einmal diese herrlichste Festung der keltischen Welt vermochte, die Germanen aufzuhalten.
Diese übernahmen nach den Kelten den Namen des Landes – dem Boierstamm nach Bojohémum, Bainaib, Bohemia benannt. Bohemia wurde dann für die künftigen 5 Jahrhunderte zu ihrem zu Hause. Marbods Stamm der Markomannen führte hier Kriege mit dem Römischen Reich und der Stamm der Langobarden, der so gründlich die letzten Reste der antiken Zivilisation in Italien ausgerottet hatte, erlebte hier später „alte goldene Zeiten“. Noch als im Jahre 791 das Heer Karls des Großen aus dem siegreichen Krieg mit den Avaren hier entlang zurückkehrte, erkannten die langobardischen Söldner im fränkischen Heer die Gedenkstätten ihrer Vorfahren und beweinten das verlassene Grab des ruhmreichen Königs Wacho. Es scheint, dass sie die Ruinen in Závist bei Zbraslav (Königsaal) beweint haben.
Zu dieser Zeit lebten allerdings schon die Slawen hier. Erst mit ihnen wird die Entstehung Prags an jenen Orten verbunden, wo sich die Stadt auch heute befindet. Obwohl unsere slawischen Vorfahren bereits um die Wende des 5. und 6. Jahrhunderts in diese Gegend kamen, hatten sie ihren Sitz bis zum 8. Jahrhundert eher in der Umgebung des künftigen alten Prags: in der Šárka, in Bohnice, in Butovice und in Levý Hradec – der ältesten Residenz der Premysliden. Erst der wachsende Bedarf des Staates, die Bedeutung der hiesigen Marktstätte und der Furt führten zur Entstehung der Prager Burg, die bereits seit dem 9. Jahrhundert als Residenz der böhmischen Fürsten diente. Die Prager Burg ist also schon über 1200 Jahre lang Zentrum des böhmischen Staates. Außer dem päpstlichen Rom finden Sie in Europa kein älteres und bisher ununterbrochen benutztes Staatszentrum.
Das Premyslidenreich und das Premysliden-Prag erweiterten sich zusammen mit dem Christentum, das den hiesigen Leuten von den Heiligen Cyrillus und Methodius in slawischer Sprache zugänglichgemacht wurde. Sie kamen aus Byzanz zu uns, bereits im Großmährischen Reich jedoch, wohin sie im Jahre 864 berufen worden waren, hatten sie mit ihren lateinisch orientierten Kollegen aus dem Fränkischen Reich zu kämpfen. Als hätte dieser Zusammenstoß der östlichen und westlichen Welt an der Dämmerung der böhmischen Staatlichkeit die späteren Peripetien unserer modernen Geschichte vorausgenommen. Die westliche Orientierung ging allerdings als Sieger davon. Fürst Václav (Wenzel, † 929 bzw. 935), der wichtigste heilige Beschützer und ewige Herrscher dieses Landes, verankerte den böhmischen Staat politisch im Westen und nach der Gründung des Prager Bistums (974) gewann auch die lateinische Kultur über der altslawischen Überhand. Das großmährische Erbe ist jedoch in unserer Kunst vergegenwärtigt, vor allem durch die Beliebtheit eines besonderen Kathedralentyps in Form von Rotunden.
Das Prag des 10. Jahrhunderts war eine imposante Großstadt. Der arabische Reisende und Kaufmann Ibrahim Ibn Jakob beschrieb es als reiche „steinerne Stadt“. Aus seinen Zeiten ist leider nicht viel übrig geblieben, die folgende Epoche der romanischen Kunst war da schon großzügiger. Die Denkmäler auf der Prager Burg, zahlreiche Kathedralen, die Fragmente der steinernen Judithbrücke sowie ganz einzigartige romanische Bürgerhäuser belegen die außerordentliche Bedeutung und den Reichtum Prags des 11. und 12. Jahrhunderts. Trotzdem hatte Prag immer noch keine Stadtrechte und seine Bebauung erstreckte sich in isolierten Höfen von der Prager Burg aus zur Furt über die Moldau und weiter die andere Seite des Flusses entlang, bis hin zur befestigten Burg Vyšehrad. Die dichteste und reichste Bebauung befand sich an den Örtlichkeiten der späteren Altstadt (Staré město), die sich damals Mezihrady (wörtlich: mezi hrady = zwischen den Burgen) nannte. Dort blühte eine internationale Marktstätte auf. Auch deshalb wurde eben dieser Teil zum Stadtkern. König Václav I. umschloss ihn zwischen 1230–1241 mit Stadtmauern und durch die Gründung der Havel-Stadt (Havelské město) legte er auch die Grundlagen der Stadtfreiheiten an. Mezihrady wurde seit der Zeit auch als „Prager Stadt“ (Pražské město) – der Prager Burg nach – bezeichnet.
Damals ist auch die Gotik zu uns durchgedrungen, es sind weitere Bürgerhäuser, Palais und neue Kloster entstanden. In der Hälfte des 13. Jahrhunderts lebten im Prager Ballungsgebiet rund 4.000 Einwohner, was zu der Zeit einer großen Stadt entsprach. Bis zu Beginn des 14. Jahrhunderts ist die Einwohnerzahl Prags allerdings weiter angestiegen, auf bis zu 10.000 Menschen. Der Aufstieg der Hauptstadt spiegelte die Entwicklung des böhmischen Staates wider. Die Premysliden – nach mehr als 500 Jahren auf dem Thron – beherrschten von Prag aus nicht nur Böhmen, Mähren und Schlesien, sondern errangen auch das Polnische und das Ungarische Königreich. Die Silbergruben von Kutná Hora (Kuttenberg) riefen durch ihren Reichtum ein ähnliches Fieber hervor, wie im 19. Jahrhundert der Klondike-Goldrausch, und der silberne Prager Groschen (Pražský groš), der seit 1300 geprägt wurde, stellte für die folgenden drei Jahrhunderte eine der stabilsten Währungen in Europa dar. Im Jahre 1306 wurde der junge Václav III. in Olomouc (Ölmütz) umgebracht, die Dynastie der Premysliden ist in männlicher Linie ausgestorben und der Staatenbund ist sofort zerfallen. Für Mitteleuropa blieb er jedoch ein anziehendes Beispiel. Die Luxemburger wie die Jagellonen haben ihn nachgeahmt, aber erst den Habsburgern ist es gelungen, die Einheit Mitteleuropas wieder zu erneuern.
Die Luxemburger regierten hier fast 130 Jahre lang (1310–1437). Johann von Luxemburg (Jan Lucemburský), „König und Diplomat“ und der „letzte Ritter“ erwarb den böhmischen Thron durch die Heirat mit der Premysliden-Prinzessin Elisabeth (Eliška Přemyslovna). Er verkaufte die verschiedensten Privilegien, und so konnte sich die Altstadt das Recht auf ein Rathaus (1338) kaufen und so zu einer richtigen mittelalterlichen Stadt werden. Johanns Sohn Wenzel (Václav) wurde am Pariser Hof erzogen, wo er den Namen Karl (Karel) annahm. Er errang die Kaiserkrone und wurde so zu Karel IV. Für Prag, die Hauptstadt des böhmischen Staates wie auch des Heiligen Römischen Reiches, hat er viel vollbracht. Er ließ die Prager Burg umbauen, machte sich um die Erhebung des Prager Bistums zu einem Erzbistum (1344) verdient und gründete zusammen mit seinem Vater die St.-Veits-Kathedrale. Nach dem Tode des Baumeisters Mathias von Arras ließ er Peter Parler aus Schwäbisch-Gmünd berufen, einen außerordentlich fähigen jungen Mann und vielseitigen Künstler, der u.a. die Karlsbrücke erbaute. Im Jahre 1348 gründete Karel IV. die Karlsuniversität, die älteste Universität in Mitteleuropa, und im gleichen Jahr legte er auch den Grundstein für die Prager Neustadt (Nové Město Pražské) nieder, wodurch der älteren zerstreuten Bebauung eine gewisse Ordnung verliehen wurde. Die Erweiterung der Befestigung des Ortes am Bergfuße der Burg (die heutige Kleinseite – Malá Strana) der Aufbau einer Reihe monumentaler Kathedralen und Klöster zusammen mit einem Streifen von Burgen, die auch Weinberge, Parkanlagen, Gärten sowie die alte Burg Vyšehrad in die Stadt einbezogen, verwandelten Prag in eine Großstadt, die es unmöglich war, mit irgendetwas Ähnlichem im damaligen Europa zu vergleichen. Der Flächenraum von Prag hat 700 ha erreicht und die Einwohnerzahl ist auf nahezu 40.000 gestiegen. Nach dem Tode von Karel IV., der damals bereits als „Vater der Heimat“ bezeichnet wurde, bestieg sein Sohn Václav IV. den Thron. Er war nicht schlechter als sein Vater, er hatte jedoch Pech. Die alte Welt brach zusammen und seine ihm am nächsten stehenden Verwandten, einschließlich Bruder Siegmund (Zikmund), haben ihm die Lage nur noch komplizierter gemacht. In Böhmen entwickelte sich die feine Kunst des „schönen Stils“, aber in Prag kam auch die erste europäische Reformation auf.
Die böhmische Reformation kam Europa um über 100 Jahre zuvor. Wir haben dafür grausam bezahlen müssen. Die Verbrennung des Meisters Jan Hus durch das Konzil von Konstanz (6. 7. 1415) radikalisierte dessen Anhänger wie auch Gegner daheim. Die Hussitenrevolution brach voll hervor. Die Erinnerungen an die heroischen Kämpfe der böhmischen Utraquisten und an die ruhmreichen Siege deren Heerführer Jan Žižka von Trocnov halfen den Böhmen zwar, die schweren künftigen Zeiten zu überwinden, und inspirierten mancherlei künst- lerisches Werk, aber die Peripetien der Bürgerkriege, die reichlich an Kreuzzügen und päpstlichem Bann schmarotzten, peinigten dieses Land fast das gesamte 15. Jahrhundert hindurch. Böhmen geriet in die Isolation der Ketzer, Prag verarmte und seine Einwohnerzahl sank auf 25.000 zurück. Unser goldenes Zeitalter war zuende.
Die Herrscher der Jagellonen-Dynastie, welche das Land aus der Krise führen wollten, hatten viele große Ambitionen, waren aber leider weniger befähigt, diese umzusetzen. Die Prager Handwerke und der Handel blühten zwar von Neuem auf, die spätgotische Kunst eignete sich die Neuigkeiten der Renaissance an; nachdem jedoch Vladislav II. zum ungarischen König wurde und seinen Sitz nach Buda (Ofen) verlegte, beherrschte die adelige Oligarchie voll und ganz den Staat und die Bedeutung Prags begann, erneut zu sinken. Der tragische Tod von König Ludwig im Kampfe bei Mohacs (1526) beendete nicht nur die über ein halbes Jahrhundert währende Herrschaft der Jagelloner, sondern öffnete zugleich den Türken den Weg nach Ungarn und den Habsburgern den Weg zur Macht.
Die Habsburger erhielten den Staatenbund Österreichs, Böhmens und Ungarns fast 400 Jahre lang aufrecht (bis zum Jahre 1918). Ihre Thronbesteigung in Böhmen wurde von der stärker werdenden Renaissance begleitet, die sich ihren Weg nur langsam durch die protestantische Umgebung bahnen konnte, und so wurde Prag erst von der späten Welle der Renaissancekunst erfasst – vom Manierismus, der hier allerdings umso stärker erstrahlte. Ein fürchterlicher Brand der Prager Burg (Pražský hrad) und der Kleinseite (Malá Strana) im Jahre 1541 verursachte zwar unwiederbringliche Schäden, aber gleichzeitig bot er eine große Gelegenheit für die Geltendmachung des neuen Stils. Renaissancepalais der böhmischen Herrschaften rund um die Prager Burg und das Belvedere der Jagellonen-Königen Anna (aus den Jahren 1537–1563) verkörperten die Vorhut dieses Stils. Kaiser Rudolf II. übertrug im Jahre 1584 seine Residenz nach Prag und das Rudolfinische Prag wurde zum europäischen Zentrum des späten Manierismus. Kaiser Rudolf, verwirrt aber kunstliebend, umgab sich mit fähigen Künstlern, Wissenschaftlern wie auch Betrügern. Er baute die Prager Burg und deren Gärten um, häufte eine außerordentliche Kunstsammlung an und wurde gezwungen, in seinem Reich die Glaubensfreiheit zu bestätigen.
Mit dem Fall von Rudolf II. wurde der religiösen Toleranz ein Ende gesetzt. Der Konflikt zwischen der protestantischen Mehrheit und den katholischen Habsburgern artete in einen Ständeaufstand aus, der den dreißigjährigen Krieg auslöste (1618–1648). Die böhmischen Protestanten haben verloren. Der böhmische Staat verlor für 300 Jahre seine Rechte – er wurde zu einer bloßen Provinz – und der größte Teil des böhmischen Adels, der Intelligenz und des Patriziats wanderte aus. Die Zeit einer grausamen Rekatholisierung setzte ein. Der wütende Krieg rottete die Hälfte der Einwohner dieses Landes aus, protestantische und katholische Heere plünderten das Böhmische Königreich sowie die Rudolfinischen Sammlungen aus. Trotz dessen versuchte der ambitiöse Kaisergeneral Albrecht von Wallenstein (Albrecht z Valdštejna), die Rudolfnischen künstlerischen Traditionen aufrechtzuerhalten. Sein herrliches Palais an der Kleinseite (Malá Strana) deutete die monumentalen Bauwerke des Prager Barock an. Der Fall des Albrecht von Wallenstein und seine nachfolgende Ermordung (1634) setzten dem Gönnertum dieses Edelmanns ein Ende, aber sein Beispiel wurde nicht vergessen. Prag änderte von Neuem sein Gesicht. Die zweite Hälfte des 17. und das erste Drittel des 18. Jahrhunderts sind vom Zusammenwirken talentierter Künstler und großzügiger Mäzene erfüllt.
Das Jahrhundert der Aufklärung brachte den Fall der künstlerischen Kräfte und das Sinken in den Provinzialismus mit sich. Trotz dessen konnte das Ständetheater (Stavovské divadlo) mit Mozarts „Don Giovanni“ Erfolge feiern und die Villa Bertramka wurde zum stummen Zeugen des Prager Aufenthaltes dieses genialen Komponisten. Damals lebten etwa 80.000 Menschen in Prag und seitdem steigt dessen Einwohnerzahl ständig an.
Der Abschluss des „Aufklärer“-Jahrhunderts ist mit der sog. nationalen Wiedergeburt verbunden. Überbleibsel böhmischen Adels und Nachkommen hochgeborener, nach der Schlacht am Weißen Berg in das Land gezogener Einwanderer unterstützten die Emanzipation des böhmischen Volkes, seine Wissenschaft sowie Kunst und seine kulturellen und politischen Institutionen. Die tragische Art der Definition des Volkes anhand der Sprache schuf jedoch die Grundlage für nationalistische Zerwürfnisse zwischen den Böhmen und den deutschsprachigen Böhmen. Beide Nationalitäten wetteiferten zusammen und die Widerspiegelung ihrer Rivalität ist in Prag noch bis heute wahrnehmbar. Das deutsche Rudolfinum und die Staatsoper gegen das böhmische Nationaltheater und Nationalmuseum. Mit zeitlichem Abstand wird klar, dass die Werke beider Völker einander ergänzen und dass diese Rivalität durch und durch nützlich gewesen ist. Die deutsch geschriebene böhmische Literatur hat ihren Höhepunkt zwar zur Wende des 19. und 20. Jahrhunderts in den Büchern von Franz Kafka, Gustav Meyring oder Franz Werfel erreicht, der Abgrund zwischen beiden Volksgruppen hat sich jedoch eher vertieft.
Die Kunst des 19. Jahrhunderts, einschließlich des Prager Jugendstils, hat den barocken Charakter des mittelalterlichen Prags ergänzt, ihn jedoch nicht verändert. Nicht einmal die modernen Richtungen vom Anfang des 20. Jahrhunderts haben dem Antlitz des alten Prags Schaden zugefügt. Die moderne Kunst ist kein fremdartiges Element in diesem uralten urbanistischen Organismus, solange sie gefühlvoll ihre Umgebung wahrnimmt, sowie es z. B. die kubistischen Bauwerke aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg zeigen. Tja, Böhmen ist das einzige Land, in dem auch kubistische Architektur vertreten ist, und Prag ist die Hauptstadt der kubistischen Architektur.
Der Erste Weltkrieg führte den Fall der Habsburger Monarchie herbei. Am 28. Oktober 1918 wurde die Tschechoslowakische Republik ausgerufen, Prag wurde wieder zu einer tatsächlichen Hauptstadt und die Prager Burg begrüßte den Präsidenten der Republik – T. G. Masaryk, der seinen „Hof“-Architekten in Josip Plecnik (Plečnik) fand. Art Deco wurde Mitte der 20er Jahre vom Funktionalismus abgelöst. Tschechischer Funktionalismus und Surrealismus, aber auch der Schriftsteller Karel Čapek – das sind Begriffe von Weltruf, welche das bunte Mosaik der Kultur zwischen den beiden Weltkriegen vertraten. Den zwanzigjährigen Zeitabschnitt der ersten Republik können wir als zweites goldenes Zeitalter unserer Geschichte betrachten. Die Flitterwochen zwischen Prag und Paris wurden jedoch vom Münchener Abkommen im Jahre 1938 jäh beendet. Großbritannien und Frankreich haben unser Land Hitler vorgeworfen.
Der Zusammenbruch der ersten Republik und die Okkupation durch das faschistische Deutschland bedrohten von Neuem die tschechisch sprechende Mehrheit dieses Landes. Die Gräueltaten der Nazis machten die Zukunft eines weiteren Zusammenlebens der Tschechen mit den tschechischen Deutschen, die sich zu 98 % entschlossen, deutsche Deutsche zu werden, unmöglich. Die Befreiung der Republik und der Prager Aufstand im Mai 1945 stellten die Wiederkehr der Freiheit dar. Die Nachkriegsaussiedlung von 2,5 Millionen Deutschen beendete 700 Jahre gemeinsamen Zusammenlebens beider Völker in unserem Lande.
Nach den traurigen Münchener Erfahrungen mit den westlichen Verbündeten und unter dem Eindruck der Befreiung eines Großteils der Staaten durch die Sowjetunion sind viele Tschechen der Illusion unterlegen, dass Demokratie und Kommunismus Hand in Hand gehen können. Vierzig Prozent der Stimmen waren ausreichend, um im Jahre 1948 einen kommunistischen Umsturz durchzuführen. In den folgenden Jahren versuchten die neuen Herrscher, unter Aufbau-Elan alles zu zerstören, was an die „überholten“ Zeiten erinnerte, und dies durch neue Symbole zu ersetzen. Ein Beispiel dafür war die riesenhafte Statuengruppe von Stalin auf dem Letná-Plateau (Letenská pláň), die jedoch bereits im Jahre 1961 wieder beseitigt wurde. Im Jahre 1968 zertrümmerten Panzer der „befreundeten“ Länder des Sowjetblocks den Versuch um den sog. Sozialismus mit menschlichem Antlitz. Es erfolgte eine weitere Etappe der systematischen Verwüstung des kulturellen Erbes, woran uns die unsinnig geführte Verkehrsstraße unter dem Nationalmuseum erinnert. Und so wird wohl die einzige nützliche Sache, welche die Kommunisten hinterlassen haben, die Prager Metro sein.
Die Samtene Revolution vom 17. November 1989 ermöglichte uns die Rückkehr zu einer Zivilisation, welche die meisten Menschen in diesem Lande für die ihrige halten. Prag ist wieder in die Freiheit erwacht. Die Freiheit zu wählen, bedeutete die Teilung der Tschechoslowakei, denn die meisten Slowaken hatten andere Vorstellungen von einem gemeinsamen Staat. Seit 1993 ist Prag Hauptstadt der Tschechischen Republik; diese ist am 12. 3. 1999 in die NATO eingetreten und bereitet sich vehement auf die Aufnahme in die Europäische Union vor.
„PRAGA MATER URBIUM“
Prag ist ein bewundernswerter Organismus. Es überrascht nicht, wenn die Barockfassade eines Hauses gotisches Mauerwerk und ein romanisches Kellergewölbe verbirgt. Das alte Prag ist eine mittelalterliche Stadt im Barockmantel, mit moderner Kunst wie mit Juwelen verziert. An dessen historischen Kern [Prager Burg (Pražský hrad), Hradschin (Hradčany), Kleinseite (Malá Strana), Altstadt (Staré Město), Neustadt (Nové Město), Vyšehrad] liegt die Innenstadt an, deren Viertel aus alten Vororten entstanden und ab dem 18. und vor allem 19. Jahrhundert mit den Prager Städten [z. B. Karlín (Karolinental), Smíchov, Holešovice, Vinohrady (Königliche Weinberge), Vršovice (Wrschowitz), Žižkov (Žižkaberg)] verwachsen sind. Daran knüpft dann die Außenstadt an, heute voller Neubausiedlungen, Einkaufszentren, Familienvillen, Wäldern und Gärten, aber auch Industriekomplexen (z. B. Jižní Město, Jihozápadní Město, Bohnice, Prosek).
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03.10.2007PRAGUE-PORTAL.COM
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